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Ausbildung :: Problem & Lösung

So sollten Sie reagieren, wenn Ihr Pferd durchgeht

Ein durchgehendes Pferd hat schon so manchen Reiter zum Psychotherapeuten oder ins Krankenhaus gebracht. Je nachdem, wie etabliert das Verhalten bei Ihrem Pferd bereits ist, sollten Sie entweder einen Fachmann zu Rate ziehen oder können noch selber etwas dagegen tun.
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Wenn Ihr Pferd zum Durchgehen neigt, sollten Sie absolut ehrlich zu sich selbst sein: Denken Sie gut darüber nach, ob das Tier bereits ein notorischer Durchgänger ist oder ob es lediglich in Ausnahmesituationen ein paar Meter weit sprintet. Der Unterschied zwischen beidem ist nämlich enorm. Der Mensch auf dem Rücken eines kopflosen Durchgängers bringt sich in eine lebensgefährliche Situation. Deshalb gehören solche Pferde in die Hände eines Fachmanns. Versuchen Sie in diesem Fall nicht mehr, die Sache selbst in den Griff zu bekommen. Anders verhält es sich, wenn Ihr Pferd – wie übrigens die meisten Tiere – nur in bestimmten Situationen zum Durchgehen neigt. Dann können Sie an der Ursache arbeiten.

Gehen Sie auf Ursachenforschung

Finden Sie zuerst heraus, warum und in welchem Moment Ihr Pferd davonprescht. Handelt es sich dabei um eine Fluchtreaktion, die entweder mit äußeren Faktoren oder aber mit Schmerzen, verursacht durch falsche Einwirkung oder Ausrüstung, zu tun hat. Wenn das Pferd ohnehin schon Schmerzen im Maul hat oder mit seinem neuen Gebiss nicht klarkommt, ist es wenig hilfreich, im Bedarfsfall die „Notbremse“ zu ziehen. Wenn Sie schon beim Wegreiten vom Stall feststellen, dass etwas von Anfang an nicht stimmt, dann steigen Sie ab, führen ihr Pferd zurück und suchen nach dem Problem. Warten Sie nicht darauf, dass sich das Tier an die unangenehmen Umstände gewöhnt. Höchstwahrscheinlich wird es sich nämlich eher hochschaukeln und dann plötzlich durchgehen.

Falls der Auslöser für das Durchgehen ein erschreckendes Geräusch im Wald ist, müssen Sie anders vorgehen. Melden Sie sich und Ihr Pferd für die nächste Gelassenheitsprüfung an und stellen Sie Ihr Training entsprechend um. Überprüfen Sie auch Ihr eigenes Verhalten auf Erschrecken und erhöhte Aufmerksamkeit beim Pferd. Wenn sie es komplett ignorieren, denkt es, Sie hätten das Problem übersehen und es müsste noch aufmerksamer sein. Stattdessen können Sie ihm in Pferdesprache sagen: „Ist okay! Ich habe das auch gehört. Und es ist nicht schlimm.“ Das funktioniert über einen leichten Schenkeldruck oder ein kurzes Zupfen am Zügel. Damit erinnern Sie Ihr Herdentier daran, dass Sie – das Alphatier – sich um alles Weitere kümmern werden.

Kontrollierte Begegnung mit den Monstern im Gelände

Oft bessert sich das Verhalten auch durch das gemeinsame Ausreiten mit einem ruhigen Pferd. Falls Ihr Pferd Angst vor Kühen oder Schafen hat, gewöhnen Sie es einfach vom Boden aus an die unbekannten Tiere. Lösen Sie sich von der Vorstellung, ein guter Reiter müsste immer alles vom Sattel aus bewerkstelligen. Besonders dann, wenn Sie schon im Vorfeld merken, dass Komplikationen programmiert sind, sollten Sie besser rechtzeitig absteigen.

 

Ob Traktor, Spaziergänger mit Regenschirm oder E-Bike-Fahrer: Was auch immer Ihrem Pferd Angst macht, wirkt noch bedrohlicher, wenn es sich frontal nähert. Machen Sie in dieser Stress-Situation nicht noch zusätzlichen Druck. Reiten Sie um beängstigende Objekte lieber herum und lassen Sie das Pferd dort hinschauen. So kann es auch sehen, dass die angebliche Gefahr ganz harmlos an ihm vorbeizieht. Oft ist es einfacher hinter dem Traktor oder der Kutsche zu reiten, als wenn diese sich von Hinten nähern.

Wettrennen im Gelände sind tabu

Vermeiden Sie auch Wettrennen mit Stallkollegen, egal wie sehr Sie ein lustiges Kräftemessen reizt. Manche Pferde sind dabei ehrgeiziger als Ihre Reiter und machen erstmals die Erfahrung: „Wenn ich richtig renne, kann mich niemand mehr stoppen.“ Das sollten Sie eigentlich niemals herausfinden!

Rennt ihr Pferd immer auf derselben Galoppstrecke davon? Dann galoppieren Sie dort gar nicht mehr, sondern passieren die gesamte Strecke im Schritt – am besten auch in diesem Fall hinter ruhigen Mitreitern. Zackelt Ihr Pferd dabei, so lenken Sie es mit Dressurlektionen wie Seitengängen und Volten um Bäume herum ab.
Manche Pferde trotten anfangs ganz brav durchs Gelände und drehen erst auf, wenn sie merken, dass es nach Hause geht. Solche Tendenzen sollten Sie von Anfang an unterbinden. Wenn das Pferd zu schnell nach Hause zu seinem Futtertrog will drehen Sie bewusst um, reiten eine weitere Schleife und beschäftigen das Pferd mit gymnastizierenden Übungen.

Pferd geht durch: Abwarten oder gleich eingreifen?

Manchmal gibt es auch Situationen, in denen sich der Reiter gar nicht sicher ist, ob das Pferd gerade durchgeht oder nicht. Wenn der Galopp einfach sehr schnell wird, wenn die Parade nicht gleich durchkommt oder wenn mitten auf einer Wiese plötzlich diese unglaubliche Energiewelle durchs Pferd geht.

In solchen Momenten sollten Sie auf keinen Fall panisch an den Zügeln ziehen. Sonst lösen Sie selbst das richtige Durchgehen aus. Besser warten Sie noch einige Sprünge ab, bis Sie überhaupt reagieren. Wenn innerhalb der nächsten Meter kein weiterer Reiz eintritt (wie durchdrehende andere Pferde, Rascheln im Gebüsch oder ein hysterischer Reiter), dann flacht die Turbo-Energie oft ganz von selbst wieder ab.

Natürlich gibt es auch das Gegenargument: Durchgehen muss beim ersten wilden Bocksprung gestoppt werden! Das ist so korrekt, wenn Reiter und Pferd ein gut eingespieltes Team sind. In den meisten Fällen aber zeigt das Pferd gerade mal einen lebenslustigen Sprung und schon reißt sein Mensch ihm im Maul. Viele unkontrollierte Sprints durch Wald und Flur ließen sich verhindern, wenn die Reiter nicht bei jeder Regung von Energie in ihrem Pferd die angebliche „Notbremse“ betätigen würden.

Die generelle Lösung: Gymnastizieren!

Für das Durchgehen gibt es eine ganz konkrete Prophylaxe: Sie lautet – wieder einmal – Gymnastizierung! Ein durchlässiges, gut an den Hilfen stehendes Pferd wird immer mehr auf die Signale seines Reiters achten als ein Pferd, das nichts anderes kennt als Schenkelklopfen und Zügelziehen. Bringen Sie dem Pferd bei, willig auf einseitige Zügelhilfe hin den Kopf zur Seite zu nehmen. Im Ernstfall nämlich, können Sie das mehrere hundert Kilo schwere Rennpaket niemals durch Ziehen an beiden Zügeln stoppen. Im Gegenteil: Sie werden ihm Schmerzen zufügen und noch mehr Panik auslösen. Stattdessen führen Sie einen Zügel zur Seite, so dass das Pferd seinen Kopf zur Seite biegt. Wichtig: Nehmen Sie die Hand nicht nach oben, um dem Kopf Stellung zu geben. Sonst wird das Pferd eben mit schräger Kopfstellung geradeaus weiter rennen. Führen Sie stattdessen die Hand nach außen, als würden Sie ein Tor öffnen.

Je besser Ihr Pferd gymnastiziert ist, desto einfacher bringen Sie es so auch im schnellen Galopp auf einen großen Zirkel, den Sie im weiteren Verlauf immer mehr verkleinern. Je mehr Last das Pferd dadurch auf sein inneres Hinterbein aufnimmt, desto gesetzter und langsamer wird es.

Vermeiden sollten Sie bei jedem ungeplanten Renngalopp das „Beruhigen“ durch Streicheln. Seien Sie sicher, dass das Pferd längst über die Zügel das Zittern Ihrer Hände und die Anspannung Ihrer Muskeln mitbekommen hat. Ein hibbeliges „Ruhig!“, „Halt!“ oder „Bleib stehen!“ bringt da genauso wenig wie ein Klopfen des Halses. Versuchen Sie stattdessen, ruhig zu atmen und bei Verstand zu bleiben. Konzentrieren Sie sich aufs Sitzenbleiben und machen Sie sich nicht steif.

 


Quelle:

Regina Käsmayr, Barnboox
Teaser-Bild: Roberto Robaldo