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Ausbildung :: Problem & Lösung

Pferd lässt sich nicht auftrensen – was tun? Expertentipp von Peter Pfister

Ein Pferd kann noch so gut geritten sein - wenn es sich nicht auftrensen lässt, kommt der Reiter gar nicht erst in den Sattel. Gerade diejenigen Pferde, die früher schlechte Erfahrungen mit unpassenden Trensen, festen Nasenriemen oder reiterlicher Gewalt gemacht haben, verweigern die Aufnahme des Gebisses oft vehement. Peter Pfister erklärt Schritt für Schritt, wie Sie das Trauma beseitigen und dem Pferd wieder Vertrauen zur Trense vermitteln.
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Merlin mit Trainer 5Das Problem:
Martina und ihr sechsjähriger Hannoveraner Wallach Flores sind ein gutes Team und träumen von einer Karriere im Dressursport. Nur eine Sache klappt nicht: Flores lässt sich ganz schlecht auftrensen. Er reißt dann den Kopf hoch, presst die Zähne aufeinander und versucht auch schon mal durch leichte Steigansätze oder Rückwärtslaufen der ungeliebten Trense zu entkommen. Bereits dann, wenn Martina nur die Hand auf seinen Nacken legen will, beginnt er heftig mit dem Kopf zu schlagen. Da Flores ein Stockmaß von 176 cm hat, ist das ein großes Problem.

Die Ursache:
Hier ist sicher einiges in der Ausbildung des Pferdes schiefgelaufen. Vermutlich hat man versucht, Flores die Trense mit Gewalt ins Maul zu legen, hat ihm dabei das Trensengebiss hart gegen die Zähne geschlagen oder ihm Zahnfleisch und Maulwinkel gequetscht. Weiter könnte es sein, dass ihm das Sperrhalfter zu stark zugezogen und er außerdem mit sehr starker Handeinwirkung geritten wurde. Wird einem Pferd in dieser Weise Schmerz zugefügt, kann es leicht zu solchen Reaktionen kommen. Zügelarbeit ist Vertrauensarbeit und das Pferdemaul ein schmerzempfindliches Organ.

Die Lösung:
Bei allem, was ein Pferd lernen soll ist es wichtig, dieses nicht zu überfordern. Dazu ist es angezeigt, die Lektion zunächst in Einzelteile zu zerlegen und als einzelne Bausteine zu erarbeiten. In diesem Fall sind es drei Elemente die einzeln geklärt werden müssen, um sie dann zu einem Ganzen wieder zusammen zu fügen.

Zu einen muss Flores lernen, die Hand von Martina auf seinem Nacken zu akzeptieren ohne mit heftigen Abwehrreaktionen zu reagieren. Als nächstes, auf leichten Druck im Nacken den Kopf zu senken. Drittens, sich durch leichte Einwirkung mit der menschlichen Hand im Maul zu lösen, dieses zu öffnen und sich willig die Trense einlegen lassen. Pferdeausbildung ist immer eine Gradwanderung zwischen Sensibilierung und Desensibilierung. Sensibilisieren möchte ich das Pferd für Dinge, die es lernen soll, desensibilisieren für unerwünschte Verhaltensweisen. Entscheidend über das, was das Pferde lernt, ist der Augenblick des Erfolges.

Soll Flores lernen, das unangenehme Kopfschlagen zu lassen, darf er damit keinen Erfolg haben. Hat Martina im Augenblick des Kopfschlagens schnell die Hand zurückgezogen um noch heftigere Reaktionen ihres Pferdes zu vermeiden, hat dieser im falschen Augenblick sein Erfolgserlebnis bekommen. Er hat gelernt, dass heftiges Kopfschlagen eine Lösung ist und das so die lästige Menschenhand von seinem Genick verschwindet. Besser wäre es, sich eine Möglichkeit schaffen, die es erlaubt im entscheidenden Augenblick „dranzubleiben“, das heißt, Flores reagieren zu lassen, ohne ihm damit Erfolg zu geben.

So funktioniert es:
Dazu stelle ich mich seitlich neben den Kopf des Pferdes und fasse mit einer Hand in das Backenstück des Halfter, die andere lege ich auf den Hals des Pferdes. Akzeptiert es die Berührung ohne Opposition, nehme ich meine Hand weg, gebe eine kleine Pause, lobe es mit meiner Stimme und streichele es seitlich am Hals. Jetzt wandert meine Hand weiter zum Genick, beginnt es mit dem Kopf zu schlagen, bleibt meine Hand an Ort und Stelle. Mit der Hand, die das Halfter fasst, kann ich das Pferd am Weglaufen hindern und auch vermeiden, dass es mich durch unkoordinierte Bewegungen mit dem Kopf verletzt. Bald wird das Pferd merken, dass es durch dieses Verhalten meine Hand nicht loswird und wird innehalten. Augenblicklich nehme ich diese weg, lobe und streichele es wieder am Hals. Der ganze Vorgang wird einige Male wiederholt, evtl. an unterschiedlichen Tagen. Jetzt bekommt das Pferd sein Erfolgserlebnis immer in dem Moment, wo es akzeptiert. So wird es lernen, die Hand auf seinem Nacken zu dulden oder sogar zu genießen.

Mögliche Probleme:
Etwas schwierig kann sich diese Übung dann gestalten, wenn die Proportionen zwischen Pferd und Reiter ungünstig sind, d.h. eine kleine, zierliche Frau mit einem entsprechend großen Pferd. Hier bietet es sich an, mit einem „Armverlängerer“ zu arbeiten. Ich habe mir dazu einen alten Handschuh präpariert und an einem Stock befestigt. So kann ich komfortabel an schwer erreichbaren Körperstellen des Pferdes arbeiten ohne mich in Gefahr zu begeben. Eine nicht so gute Idee wäre es, diese Lektion von einem Hocker aus erarbeiten zu wollen.

So geht es weiter:
Ist das Anfassen im Nacken kein Problem mehr, soll Flores lernen, auf Fingerdruck den Kopf zu senken. Auch hierzu stehe ich wieder seitlich an dessen Kopf und halte mit einer Hand das Pferd am Backenstück des Halfters, die andere wandert zum Genick des Pferdes. Hier, etwas eine Handbreit hinter den Ohren, befinden sich links und rechts des Mähnenkammes zwei leichte Erhebungen. Gebildet werden diese durch die darunter liegenden Knochenzapfen des ersten Halswirbels Atlas. Ich nehme Daumen und Zeigefinger und  stelle sie senkrecht auf diese Erhebungen. Mit den Fingerkuppen baue ich nun eine leichten Druck nach untern auf, den ich so lange verstärke, bis das Pferd durch ein Nicken nach unten nachgibt. Sofort nehme ich den Druck weg und lobe das Pferd wie bei der vorhergehenden Lektion. Oft sind es kaum merkliche Reaktionen, aber bereits auf diese gehe ich lobend ein. Durch wiederholtes Üben wird das Pferd bald lernen, gerne seinen Kopf senken. Erwarte ich allerdings anfangs zuviel Reaktion, kann es sein, das dieses meine Idee nicht erkennt und sich eher „festmacht“. Bei dieser Übung wird das Pferd nicht für das Akzeptieren, sondern für das Reagieren belohnt – es ist ein Akt der Senibilisierung.

Zum Lösen des Maules wähle ich die gleiche Ausgangsposition wie bei den vorhergehenden Lektionen. Eine Hand hält das Pferd am Halfter, die andere strecke ich unter dem Kopf des Pferdes hindurch. Daumen und Zeigefinger dieser Hand spreize ich ab und schiebe den Mittelfinger dem Pferd seitlich von außen in die Zahnlücke zwischen Schneide- und Backenzähne. Daumen und Zeigefinger liegen fixierend an der Backe des Pferdes und verhindern, dass der Mittelfinger zu weit nach oben ins Pferdemaul rutscht. Jetzt kitzele ich mit diesem das Pferd seitlich an der Zunge. Die allermeisten Pferde fangen augenblicklich an zu kauen und lösen sich somit im Maul. Wird das ohne Probleme akzeptiert, kommt der Mittelfinger der anderen Hand und schiebt sich in gleicher Weise in die Zahnlücke des anderen Maulseite. So entsteht eine simulierte Trense und das Pferde lernt, sich vor „Gegenständen“ im Maul nicht zu verschließen, sondern zu lösen. Bald werde ich damit beginnen können, mit einer echten Trense zu trainieren. Dabei kann es sehr hilfreich sein, diese vorher mit Honig oder Zucker zu bestreichen um sie dem Pferde so richtig zu versüßen. So wird es lernen, die Trense gerne zu nehmen und gleichzeitig beginnen, daran zu lecken und zu kauen.

Mit diesen Vorübungen wird Martina bald kein Problem mehr haben, Flores ohne Stress aufzuzäumen. Mit ihrer rechten Hand gibt sie ihrem Pferd einen Impuls im Nacken und er wird den Kopf senken. Mit der gleichen Hand fasst sie nun das Nackenstück der Trense, mit der anderen hält sie das Trensengebiss vor Flores Maul. Nimmt dieser nicht von selbst das Gebiss, kann es nochmals nötig sein, den Daumen seitlich in dessen Maul zu schieben um ihn durch Kitzeln an der Zunge zum Öffnen zu bewegen. Martinas rechte Hand zieht nun das Kopfstück über Flores Ohren und somit die Trense ins Maul. Natürlich gehört zum dauerhaften Erfolg auch eine gute, weiche Hand beim Reiten.


Quelle:

Peter Pfister
Bild: Fotolia #16557241

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