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Ausbildung :: Anreiten

Pferd anreiten – Schritt für Schritt erklärt!

Weil Pferde einfach zu gutmütig sind, werden sie oft von heute auf morgen mit Sattel und Reiter beladen und auf einen Ausritt geschickt. Auf Dauer macht sich eine solche Hauruck-Ausbildung aber bemerkbar – die Tiere bekommen Rückenprobleme und Lahmheiten statt der Lust aufs Geritten-Werden. Wie man Pferde richtig anreitet, zeigt der Pferdewirtschaftsmeister Ralph Edmond Knittel in 10 Schritten.
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Schritt 1: Interieur und Exterieur beurteilen

Der Pferdewirtschaftsmeister arbeitet mit Pferden unterschiedlicher Reitweisen. Dieser 3-jährige Quarterhengst soll zum Westernpferd ausgebildet werden. Die Grundausbildung des Pferdes ist bei diesem Ausbilder die gleiche wie in der klassischen Reitweise.

Deutlich ist der Unterhals des Hengstes zu sehen. Durch korrektes Longieren soll er sich innerhalb der nächsten Wochen zurückbilden. Der Rücken hängt durch, da er noch nicht genügend Muskulatur aufgebaut hat. So wäre es für das Pferd schmerzhaft, einen Reiter zu tragen. Es muss also langsam vorgegangen werden.

Bei der Exterieurbeurteilung soll das Pferd nicht nur stehend, sondern auch freilaufend betrachtet werden. So kann der Ausbilder erkennen, ob das Tier sich in der Bewegung ausbalancieren kann oder ob es beispielsweise ständig Kreuzgalopp zeigt. Auch die Tragfähigkeit des Rückens kann in der Bewegung besser beurteilt werden.

Auch psychisch muss das Pferd in der Lage sein, die neue Herausforderung des Geritten-Werdens zu verkraften. Hat es Angst vor dem Menschen? Ist es schreckhaft und wiehert nach seiner Herde? Oder drängt es den Ausbilder zur Seite und verhält sich respektlos? In all diesen Fällen muss über längere Zeit konzentrierte Bodenarbeit gemacht werden um das Interieur des Pferdes so weit zu festigen, dass der nächste Schritt kommen kann. Der abgebildete Quarterhengst ist anfangs unkonzentriert und versucht, den Ausbilder zu ignorieren. Daher ist Bodenarbeit auch bei ihm der nächste Schritt.

Schritt 2: Bodenarbeit

Sinn der Bodenarbeit ist, dem Pferd die Angst zu nehmen und stattdessen seine Neugier zu fördern. Der Ausbilder macht sich von Anfang an als „Leittier“ bekannt. Er verhält sich konsequent und dominant aber auch vertrauenswürdig. Das Pferd wird sich auf diese Weise gerne unterordnen. Außerdem steigt seine Lern- und Konzentrationsfähigkeit.

Bodenarbeit kann viele unterschiedliche Elemente beeinhalten. Die Basisübungen sind: Anführen und auf Stimmkommando stehen bleiben, Rückwärtsrichten, Überkreuzen der Hinterhand ähnlich wie bei einer Vorhandwendung (siehe Foto) und das Weichen der Pferdeschulter vom Ausbilder weg. Diese Übungen setzen auch den Grundstein für späteren Schenkelgehorsam. Völlig ohne Sattel und Reiter lernt das Pferd, dem Druck der Hand auf Gurthöhe zu weichen. Das Überkreuzen der Hinterhand, wie es das Pferd auf dem Foto zeigt, hat zudem den Sinn, dass die Spannung am untertretenden Hinterbein loslässt und dieses Bein dadurch fähig wird, mehr Gewicht aufzunehmen. Dies ist die erste Form der Gymnastizierung, die später unter anderem dem Pferd das korrekte Angaloppieren erleichtert.

Schritt 3: Auftrensen

Der junge Quarterhengst hat mittlerweile Vertrauen zu seinem Ausbilder gefasst. Zunächst darf er am Zaumzeug schnuppern. Ganz ruhig schiebt der Ausbilder ihm das Gebissstück ins Maul. Dieses darf durch einen Griff in den zahnfreien Raum hinter den Schneidezähnen geöffnet werden. Bereits vor dem ersten Aufzäumen muss sichergestellt werden, dass das Gebiss dem Pferd passt und dass das Kopfstück nicht zu klein eingestellt ist. Ein passendes Gebiss steht an beiden Enden etwa einen halben Zentimeter aus dem Maul heraus. Ein zu langes Gebiss verstärkt den Nussknacker-Effekt, ein zu kurzes reibt dem Pferd die Maulspalte wund. Die Verschnallung des Backenriemens ist dann korrekt, wenn keine bis drei Falten oberhalb der Maulspalte entstehen. Bei einer sehr langen Maulspalte entstehen keine Falten, bei einer sehr kurzen drei. Das Gebiss muss so zu liegen kommen, dass es das Pferd weder an den Schneidezähnen, noch an den Hengst-, oder Backenzähnen stört.

Schritt 4: Longieren

Das Longieren des Jungpferdes trägt erheblich zu seiner Gymnastizierung bei. Durch fleissiges Traben in Vorwärts-Abwärts-Haltung lernt der junge Hengst nun, seine Bauchmuskeln anzuspannen und dadurch die Rückenlinie aufzuwölben. So bildet sich sein Unterhals zurück und sein Rücken baut die Muskulatur auf, die das Pferd zum Reiten braucht.

Zum Longieren können je nach Problematik verschiedene Ausbindeformen eingesetzt werden. Die Hilfszügel schaffen eine künstliche Anlehnung, die das Pferd braucht, um sein Nacken-Rückenband zu dehnen. Durch richtiges Longieren wird nicht nur der Rücken stabilisiert. Das Pferd lernt außerdem, sich besser auszubalancieren und seinen Takt zu finden. Obwohl im Westernreitsport später ein ruhigerer Trab (jog) abgefragt wird, muss auch der junge Quarterhengst während seiner Grundausbildung fleissig vorwärts gehen wie im Bild oben. Anders ist eine Dehnung des Nacken-Rückenbands über die Vorwärts-Abwärts-Haltung nicht möglich.

Schritt 5: Satteln

Durch das Longieren wurde das Pferd bereits mit einem Longiergurt vertraut gemacht. Um Gurtzwang zu verhindern, kann man es nach dem Longieren noch eine Weile mit angezogenem Gurt in der Box stehen lassen. Der Sattel ist etwas ganz Neues für das junge Pferd. Bevor er zum ersten Mal auf seinen Rücken gelegt wird, muss durch gute Vorbereitung (Bodenarbeit) das Vertrauen in den Ausbilder und die Neugier an der Ausbildung geweckt worden sein.

Ein Helfer hält das Pferd am langen Strick, während der Ausbilder ihm das neue Equipement zeigt. Dann darf das Pferd ausgiebig an Sattel und Decke schnuppern. Zeigt es keine Angst, so wird zuerst die Decke und anschließend der Sattel langsam und mit Sorgfalt aufgelegt. Senkt das Pferd dabei vertrauensvoll den Kopf, so kann auch der Gurt langsam angezogen werden.

Auch ein Jungpferd, das seine Muskulatur noch verändert, braucht einen passenden Sattel. Während die Größe und Lange des Trensengebisses meist selbst kontrolliert werden kann, sollte der Sattel von einem Sattler angepasst werden.

Schritt 6: Bügeltritt

Das erste Aufsitzen eines Reiters sollte spielerisch erfolgen. Immer noch ist der Ausbilder die Vertrauensperson für das Pferd. Er sollte den Bügeltritt deshalb nicht selbst vornehmen, sondern einen Helfer mit einbinden. Das Pferd muss sich weiterhin auf die Person am Boden verlassen können.

Der Ausbilder hält am gegenüber liegenden Steigbügel dem Druck entgegen, während der Helfer seinen Fuß in den Bügel setzt. Nun spürt das Pferd von beiden Seiten Druck im Bügel. Dabei muss es völlig entspannt stehen bleiben. Diese Prozedur kann immer wieder während des Longierens wiederholt werden. Hat das Pferd sich daran gewöhnt, so kann der Helfer sich mit dem Oberkörper über den Sattel legen. Klappt auch das, ist es an der Zeit, das andere Bein über den Sattel zu schwingen. Der Helfer sitzt dann als passives Gewicht ohne Einwirkung auf dem Pferd. Wie oft die jeweiligen Schritte geübt werden müssen, kann von Pferd zu Pferd sehr unterschiedlich ausfallen.

Schritt 7: Anführen mit Reiter

Lässt das Pferd den Reiter entspannt zu, so führt der Ausbilder es einige Runden im Schritt. So lernt es das Gewicht des Reiters in der Bewegung kennen. Der Reiter darf weiterhin nicht auf das Pferd einwirken sondern passt sich lediglich seinen Bewegungen an. Auch die Zügel sollte er nicht aufnehmen.

Der Ausbilder kann nun einige bekannte Übungen wiederholen, wie Anführen und Halten. So merkt das Pferd: Es ist alles so wie immer – nur mit einem Gewicht auf meinem Rücken.

Der junge Hengst auf dem Foto konzentriert sich zwar auf den Reiter, folgt aber brav und mit gesenktem Hals den Anweisungen seines Ausbilders.

Schritt 8: Longieren mit Reiter

Zunächst bleibt der Reiter passiv. Der Ausbilder longiert in gewohnter Weise. Mit der Zeit gibt der Ausbilder immer mehr Verantwortung an den Reiter ab. Systematisch muss dieser anfangen, auf das Pferd einzuwirken. Das Aufnehmen des Zügels sollte als allerletzte Einwirkung geschehen. Vorher unterstützt der Reiter nur mit seinem Körper die Bewegungen des Pferdes, in der Fachsprache heißt das „die Bewegungen mitatmen“. Der Reiter übernimmt nun auch die Stimmkommandos, die der Ausbilder dem Pferd schon beigebracht hat. So bekommt das Pferd unter dem Reiter mehr Dynamik und erkennt, dass es nun von oben kontrolliert wird. Dann kann der Ausbilder die Longe abnehmen.

Schritt 9: Reiten ohne Longe

Der Reiter kontrolliert nun das Pferd von oben. Durch das Longieren mit Ausbindern kennt das Pferd bereits den Widerstand  im Maul. Der Reiter darf nicht versuchen, das Pferd über die Zügelhilfe zu formen. Die Zügel dienen in diesem Stadium nur zur Kontrolle von Takt und Gehorsam. Die gewünschte Form – das Vorwärts-Abwärts – muss sich mit zunehmender Entspannung des Pferdes von selbst ergeben. Nämlich dann, wenn das Pferd zulässt, dass sein Reiter Richtung, Tempo und Rhythmus bestimmt.

Schritt 10: Vorbereitung zum Galopp

Der Galopp wird in der Anreitphase nicht sofort gefordert. Nur wenn das Pferd ihn von selbst anbietet, sollte der Ausbilder ihn zulassen – gesetz dem Falle, dass das Pferd richtig angaloppiert. Ansonsten wird der Galopp am Ende der Anreitphase vom Ausbilder „vorgeschlagen“. Notorische Außengalopper müssen zunächst auf den Handgalopp vorbereitet werden. Das Übertreten der Hinterhand kennt das Pferd bereits von der Bodenarbeit her. Diese Übung fördert den Schenkelgehorsam und veranlasst das Pferd, das jeweilige innere Hinterbein zu entspannen.

Nach der Anreitphase: Spezialisierung

Nach abgeschlossener Anreitphase beginnt für den jungen Quarterhengst seine Ausbildung als Westernreitpferd. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde er wie jedes klassisch gerittene Pferd über Anlehnung geritten. Nun lernt er, in natürlicher Selbsthaltung und mit aktiver Hinterhand am losen Zügel zu laufen. Erst in diesem Moment unterscheidet sich bei Knittel das Anreiten eines Westernpferdes von dem eines Klassikers. Allerdings geht es nicht von heute auf morgen ohne Anlehnung. Sobald das junge Westernpferd ohne Rücken oder mit steifem Hinterbein läuft, wird die Verbindung zum Pferdemaul bei gleichzeitiger treibender Hilfe wieder nötig.


Quelle:

Regina Käsmayr
Bilder: Ramona Dünisch